März / April 2010

Meine Nepal-Reise vom 23. März bis 15. April 2010

Mein Reiseplan sah vor, dass ich einen Tag in Kathmandu bleibe und danach erst einmal nach Ilam, in das Teeanbaugebiet im äußersten Südosten von Nepal, reise. Nach Möglichkeit schaue ich mir immer noch etwas Neues in Nepal und Umgebung an.

Aber dieser erste Tag war für den Besuch in der Schule reserviert. Noch sind nicht alle Kinder aus den Ferien zurück, aber die Internatskinder ohne Elternhaus sind da und Kaushal, der ja seine ganze Schul- und Freizeit in der Schule verbringt und nur zum Schlafen nachhause geht. Außerdem sitzt Govinda mit einem Schulbuch in der Ecke, begrüßt mich kurz und zieht sich gleich wieder zum Lernen zurück. Er macht gerade seine SLC-Prüfung (School Leaving Certificate), die von staatlicher Seite extern an 7 aufeinanderfolgenden Tagen abgehalten wird. Englisch hat er schon hinter sich und zeigt mir das Prüfungspapier. Einfach war es nicht.

Der kleine Kreis der Dagebliebenen strahlt natürlich – erst recht, als ich ein paar Geschenke auspacke. Für die Mädchen hatte ich ein Set von 5 Rhythmus-Instrumenten mitgenommen und für die Jungen ein Tisch-Fußballspiel. Letzteres muss aber erst montiert werden. Es erfordert ziemlich gute Nerven, wenn man von mindestens 8 Knaben umgeben mit einer Montageanleitung und vielen Schrauben hantiert, jeder helfen will und schon mit dem halbfertigen Spiel die Bälle durch die Gegend haut. Wir haben es geschafft, und der Jubel ist groß. Ich verabschiede mich mit dem Versprechen, dass wir schon bald alle zusammen einen Ausflug machen werden.

 

Ilam ist eine touristisch noch nicht erschlossene Gegend. Die Reise dorthin, zunächst mit einem kleineren Flugzeug nach Bhadrapur und dann mit dem Jeep im 20-km-Tempo auf Straßen, die eigentlich nicht so genannt werden dürfen, schmal, holprig und unendlich kurvenreich, ist ziemlich mühsam. Wenn die ersten Teeplantagen sichtbar werden, an sehr steilen Hängen angelegt, sind die Strapazen allerdings vergessen und das Interesse, wie dort alles abläuft, steigt. Ich war durch die Vermittlung von Tee-Gschwendner eingeladen, die Gorkha Tea Estate Pvt.Ltd, Sunderpani, zu besichtigen. Gerade hat die Ernte des First Flush begonnen, Die Pflückerinnen zupfen nur die obersten beiden Blätter und einen Trieb. Dies ergibt nach dem ersten Antrocknen auf einem von unten belüfteten Laufband, der Rollmaschine, dem Fermentieren, Trocknen und nach Blattgrößen Sortieren den kostbaren ersten Tee der Saison.


In den nächsten Tagen reise ich noch durch Sikkim und Darjeeling, bevor ich wieder in Kathmandu lande. 

Alle Kinder sind jetzt wieder in der Schule, alle sind in die nächste Klasse versetzt, und mir werden beängstigend gute Zeugnisse vorgelegt: 6 Mädchen und 1 Junge sind in der obersten Bewertungskategorie „Distinction“, 4 Mädchen und 3 Jungen in „First“, und der Rest ist auch nicht schlecht. Im Namen von Ihnen allen habe ich nicht mit Lob gespart.

Nun steht aber der Ausflug ins Gebirge an und die Besichtigung einer Kräutertee-Fabrik mit Abpackanlage. Der altersschwache Schulbus wird aktiviert und schiebt sich 1 ½ Stunden in die Berge. Der unsäglichen Strassen wegen werden vorsichtshalber Plastik-Tüten verteilt. Ich sitze mit dem harten Kern auf der Rückbank, der Kopf hängt fast unter dem Wagendach, die laute Musik aus einem völlig verzerrenden Lautsprecher ist eigentlich nur mit dem Lachen über die ganze Situation zu ertragen. Die Kinder mit Ausnahme der Plastiktüten-Benutzer finden es herrlich; ich also auch.

Oben angekommen, werden wir erst einmal mit Kittel und Haarschutz verkleidet und besichtigen die einzelnen Schritte vom Zermahlen von Kräutern bis zum Sterilisieren undMischen, sodann automatischen Herstellen der Portionsbeutel bis zum Verpacken in kleine Kartons für die Ladenregale.

Der Verpackungsautomat ist natürlich die Attraktion. Aber in dieser kleinen Fabrik wird auch Wasser gefiltert, gereinigt und in größere Behälter zum Verkauf in Kathmandu gefüllt. Das ist für die Kinder ein Thema, denn sie wissen selbst, dass normales Leitungswasser in der Stadt sehr ungesund ist. Und dann gibt es auf diesem Gelände noch etwas

 

Ungewöhnliches: eine Zuchtanlage für Regenbogenforellen.

Nachdem wir alles besichtigt und hinterfragt und auch noch Kräutertee getrunken haben, wird es Zeit, draußen einen Picknick-Platz zu finden, denn der Koch und das Essen sind mit von der Partie.

Der nächste Tag ist wieder ein Festtag. Sofia, das etwa 7-jährige Mädchen, das Lauren, eine Ärztin aus USA vergangenes Jahr von einer Trekking-Tour ins Internat gebracht hatte, soll DIE Geburtstagsparty ihres Lebens haben, ihre erste nämlich. Keiner weiß ihr genaues Geburtsdatum, so hat Lauren beschlossen, es soll das Datum sein, an dem sie sich entschlossen hat, für die kleine Sofia zu sorgen, nachdem ihre beiden Söhne erwachsen sind. Also, von USA aus hat sie ein Geburtstagsfest für die ganze Schule bestellt und kommt am Nachmittag mit ihren Freunden direkt vom Flughafen in die Schule. Großes Wiedersehen, Sofia macht nur noch riesige Augen. Unsere Kinder bilden eine Art Kreis um sie, singen Happy Birthday und geben ihr all die von Prem aufgeblasenen Luftballons.
Dann wird die Torte angeschnitten und verteilt, wieder gesungen, und später gibt es noch die warme Mahlzeit – Daal Bhat. Wir alle, insbesondere Sofia, werden das nie vergessen.

Die Amerikaner sind am nächsten Tag erst einmal fort auf Trekkingtour, kommen aber anschließend wieder in die Schule und werden ein sogenanntes Health Camp veranstalten,
d.h. zwei amerikanische Ärzte wollen zusammen mit zwei nepalischen Ärzten alle Kinder untersuchen und gegen Hepatitis und MMR impfen (ist inzwischen auch geschehen).

Mit Besprechungen in der Schule, Einkäufen mit den Kindern u.ä. vergehen die Tage schnell. Dann ist es auch schon Samstag, also schulfrei, und wir beschließen, den Kindern allerlei Mal-Materialien zur Verfügung zu stellen. Sie sind mit Feuereifer dabei, als ich ihnen erzähle, dass nächstes Jahr der Hessentag in Oberursel stattfinden wird und wir gern schöne Zeichnungen von ihnen ausstellen würden.

Seit Jahren treffe ich in der Schule einen italienischen Herrn, der zusammen mit zwei Freunden in Italien bei CMS 5 Kinder sponsert. Zusammen mit ihm werde ich für den nächsten Tag in die Schule gebeten, um nach der morgendlichen Versammlung der Schüler, die ihre Lockerungsübungen machen, ein Gebet sprechen und die Nationalhymne singen, nach einer Ansprache von Dev auf die Bühne gebeten zu werden. Prem, Kaushal, Sima und Barsha sind traditionell nepalisch gekleidet und überreichen uns Blumen. Der Italiener und ich sind ziemlich verlegen und bedanken uns, die Schüler klatschen.

Der von den Maoisten ausgerufene Generalstreik für den nächsten Tag wird dann gleich am Morgen wieder aufgehoben. Also sind die Taxis im Einsatz und auch die Geschäfte offen. Überhaupt die Maoisten. Es ist unsäglich, welchen Schaden sie in dem sowieso schon armen Nepal anrichten. Firmen werden zum Aufgeben gezwungen, Autos, Busse, die Uni demoliert und missliebige Leute umgebracht. Die Gegenseite ist zwar auch nicht zimperlich, aber alle Nepali beklagen sich darüber, dass Verbrechen nicht wirklich von Rechts wegen geahndet werden. Für mich als Tourist hat das weiter keine Bedeutung. Ich hatte noch nie eine bedrohliche Situation. Aber die Schule leidet unter den dauernden Streiks, bei denen auch kein Unterricht abgehalten werden kann. 

Der letzte Tag vor meinem Abflug hält noch eine Überraschung bereit: Ich werde am Nachmittag in den Raum gebeten, in dem die Internatsmädchen ihre Kleider usw. aufbewahren. Die Mädchen erwarten mich schon lachend. Eines hält ein mit frischen Blüten geschmücktes Tablett, auf dem eine Schere liegt. Ich sehe vor mir eine geöffnete Tür, quer zur Öffnung ein rotes Band gespannt, dahinter eine europäische Toilette und ein Waschbecken, der ganze Raum gekachelt und freundlich, weil durch ein Fenster das Tageslicht fällt. Nun überreicht mir Dev die Schere, und ich darf das Band durchschneiden und als Erste den Toilettenabzug betätigen – alles unter schallendem Gelächter.
Nun haben also die Mädchen eine eigene Toilette und brauchen nicht mehr bei Wind und Wetter und im Winter bei eisiger Kälte über den Hof „auf ihr Loch“. Sie freuen sich sehr und bekommen als Auflage, dass sie selbst für die Sauberkeit und das Putzen ihrer Toilette verantwortlich sind. – Wenn es doch nur möglich wäre, auch die Wasch- und Duschräume zu verbessern und nach innen zu verlegen! (Übrigens: Der Einbau der Toilette wurde nicht von uns bezahlt!)

Wir beenden den Tag mit Eis für alle, und ich verabschiede mich von unseren Kindern mit guten Wünschen für das Neue Jahr (nach dem Nepal-Kalender) und ein paar Süßigkeiten als Gruß von uns allen in Deutschland.

Die Kinder grüßen zurück  -  Sie alle!

Ihre
Lieselotte Künzel

Oberursel, 29.04.2010