März / April 2011
Reise vom 22.03. bis 12.04.2011
Vom kühlen Rhein-Main-Gebiet in die Wärme von Kathmandu – das gefällt mir gleich bei der Ankunft auf dem Flughafen. Im Hotel werde ich schon als gute Bekannte begrüßt und mache mich unverzüglich ans Packen der Tüten für die Kinder. Das ist eine schweißtreibende Arbeit, weil für jedes Kind ein individuelles Mitbringsel zur Verfügung steht und ich etwaige „Ungerechtigkeiten“ ausgleichen will.
Am nächsten Tag geht es mit Vereinsmitgliedern aus Erfurt – Mutter und Sohn – in die Schule. Die Kinder sind wieder eine Wonne wie sie uns schon auf dem Schulhof erwarten und begrüßen. Sie sehen putzmunter und gesund aus, verschwinden aber nach kurzer Zeit wieder in alle Ecken, wo sie für die morgige Abschlussarbeit noch pauken müssen. Immerhin lernen die deutschen Besucher noch Sreyata kennen, das von ihnen betreute, leider jetzt ungemein schüchterne Mädchen. Sie wechseln ein paar Sätze mit ihr, überreichen ihr Geschenke – das war’s dann aber auch. Ein Tagesbesuch reicht meistens nicht, um die Kinder aufzutauen. Schade.
Bei unserem Eintreffen am 23.03. erwähnt Shila: „Morgen habe ich Geburtstag“. Ich stutze, denn mir ist der 23. in Erinnerung. Dies auszudiskutieren ist im Moment nicht möglich. Also kaufe ich am nächsten Morgen eine Geburtstagstorte in Familiengröße und überreiche sie ihr nach Schulschluss zusammen mit ihren Geschenken. Dabei will ich wissen, warum sie den 24. als ihren Geburtstag nannte. „It’s our calendar, Madam, sometimes it’s the 22nd, sometimes the 23rd, sometimes the 24th“ Der nepalische Kalender differiert im Verhältnis zu unserem auf diese Art. Dev meint, man könne bei Google in einer Umrechnungstabelle nepalisches Datum : englisches Datum aufrufen. So einfach ist das also.
Der nächste Tag ist der letzte strenge Schultag, also verteile ich nach Schulschluss endlich was ich aus Deutschland mitgebracht habe. Unser Weihnachtsappell, für jedes Kind einen individuellen Paten zu finden, war ein voller Erfolg. Ich erkläre in kleinen Gruppen die mitgegebenen Briefe und Fotos und überreiche die Geschenke. Wie ist die Reaktion? Nun, nepalisch. Die Augen der Kinder werden immer größer, auf ein schüchternes Lächeln folgt ein gehauchtes „Thank you“. In Nepal kommentiert man Geschenke nicht. Das wäre ja so etwas wie ein Urteil, und das geht einfach nicht. In Wirklichkeit freuen sich die Kinder riesig und ziehen stolz und beglückt von dannen.
Den geplanten Ausflug in Barshas Dorf legen wir für Samstag fest und müssen zunächst herausfinden, ob es überhaupt eine mit dem Bus befahrbare Straße dorthin gibt. Ja, seit kurzem gibt es eine Piste. Also Bus geordert, Kinder einbestellt, Koch instruiert, Plastiktüten für die Reisekranken besorgt, und ab geht die Post. Die Fahrt abseits der befestigten Straße ist abenteuerlich. Dank des Geschicks des Busfahrers kommen wir jedoch wohlbehalten in einem Dorf an. Aber nun sind wir noch nicht bei Barsha. Sie zeigt lachend nach oben, steil nach oben. Die Burschen nehmen die Essensbehälter auf die Schultern; ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um diesen steilen Hang zu bewältigen.
Oben angekommen, sehen wir ein kleines Häuschen, davor einen Büffel und eine Kuh, Hühner, Hund, Katze, zwei Kälber und endlich auch die Mutter, die uns mit großer Ehrfurcht begrüßt und ihre Barsha herzt. Ja, das ist nun echtes Nepal: Mutter und Vater sind Analphabeten, die 10 Kinder aufgezogen haben. Alle außer zwei Teenager-Mädchen und Barsha haben inzwischen ihre eigene Familie. Die beiden Mädchen helfen bei der Feldarbeit, eines hat die Schule geschmissen, das andere besucht noch die Government-Schule, wo sie zumindest lesen und schreiben lernt. Der Beschluss der Familie und der Leute im Dorf war seinerzeit, wenigstens die aufgeweckte Barsha sollte eine gute Schule besuchen. So kam sie zur CMHS. Barshas Eltern bewirtschaften ein Stück Land, das ihnen nicht gehört und von dessen Erträgen sie die Hälfte als Lohn behalten dürfen. Sie sind komplette Selbstversorger. Ihnen gehört zwar das Haus, aber das einzige Bargeld kommt aus dem Verkauf der Milch und des geernteten Gemüses.
Die Kinder schwärmen aus in die umgebenden Berge und bringen Devs Frau und mir Blumen und Rhododendron-Zweige mit.
Wir verzehren das mitgebrachte Essen, was ein paar Dorfjungen anzieht. Mit uns essen, nein, das wollen sie nicht, ziehen aber hochbeglückt mit den Resten der Mahlzeit ab. Sie sind bestimmt die Helden des Tages in ihren Familien.
Ich schildere hier eine Idylle, die ja zweifellos vorhanden ist, dazu in schönster Landschaft und ergänzt durch die Freundlichkeit der Menschen. ABER bei genauem Hinsehen ist die unbeschreibliche Armut unverkennbar.
In der Asche eines Feuers garen wir draußen Kartoffeln, verzehren sie mit Genuss, und nach einigen Spielen machen wir uns auf dem Rückweg. Eine ganz ungewohnte Ruhe breitet sich im Bus aus - die Hälfte der Kinder schläft. So ein schöner Tag war das!
Für unsere Präsenz auf dem Hessentag in Oberursel benötigen wir Fotos. Also stelle ich mit Prem, Bishal, Muna und Kaushal eine Fototruppe zusammen. Mein Nachbar hatte mir zwei moderne, gute Digital-Kameras vom Flohmarkt für die Kinder geschenkt, ein Mitglied von KiN hat ihrem Patenkind ebenfalls eine Kamera mitgegeben, und ich kann eine ausleihen.
So ziehen wir mit dem Fahrer und Schulauto in die Altstadt von Kathmandu. Die Kinder sollen einige in ihren Augen typische Motive einfangen. Sie sind total engagiert und knipsen fleißig in alle Richtungen. Es ist sehr interessant und für die Kinder ein stundenlanges Vergnügen. Nach Beendigung unserer Mission bitte ich den Fahrer, uns für’s Mittagessen ein vernünftiges Restaurant zu empfehlen. Ja, ja, da wäre eines, das sehr gut und zur Zeit IN sei. Wo landen wir? Im KFC – Kentucky Fried Chicken! Die Kinder sind begeistert und vertilgen vor Wonne stöhnend riesige Mengen Hühnerschenkel. Nicht einmal Reis vermissen sie, und das will bei Nepali etwas heißen.
Unser Govinda, der ja jetzt ein College besucht und Hotelmanagement studieren möchte, hatte vor ein paar Tagen Gelegenheit, in meinem Hotel herumgeführt zu werden, um die verschiedenen Abteilungen und Berufe dort kennenzulernen. Er macht sich gut in seiner College-Ausbildung und kommt in seiner Freizeit in die Schule, wenn ich da bin. Er ist nach wie vor ein ausnehmend netter Junge.
Am Samstag ist Zeugnistag. Es ist für Sie keine Neuigkeit, wenn ich berichte, dass alle 21 Kinder versetzt werden, dass Sunita und Sagar die Klassenbesten sind, dass weitere 7 Kinder mit „Distinction“ benotet wurden und 10 mit „First“, was bedeutet, dass sie 60 und mehr Prozent der erreichbaren Punkte erzielten. Unsere Kinder lernen, was das Zeug hält, und ich erzähle ihnen auch immer von den Sponsoren in Deutschland, die nur dieses von ihnen erwarten und sich sehr darüber freuen. Die guten Zeugnisse feiern wir natürlich mit Süßigkeiten und Obst bei Videos in der Bibliothek.
Mit Shopping für den Sommer vergeht die Zeit ziemlich schnell. Außerdem lerne ich unser neues Internatmädchen kennen, die 10jährige Sneha (s. Website, Unsere Kinder 2). Sie ist ein cleveres Mädchen, das ab jetzt in Sagars Klasse geht. Inzwischen ist sie eng befreundet mit Karina.
Während des Aufenthalts beobachte ich jeden Tag den Fortschritt auf der Baustelle für die Schulerweiterung. Bei meiner Abreise wird gerade die zweite Decke gegossen, das heißt der obere Abschluss auf den durch Ihre Spenden erstellten Klassenräumen, die nach der Schulreform erforderlich sind. Das erdbebensichere Bauen erfordert eine besondere Armierung der Pfeiler, was sich in viel Handarbeit und viel teurem Stahl niederschlägt. Anhand einer Liste ist jede einzelne Ausgabe nachvollziehbar.
Der Guru hat die Sterne befragt und die haben geantwortet, dass der 11. November 2011 das günstige Datum ist, um diesen Bau nach hinduistischem Ritus einzuweihen. Haben Sie Lust dabei zu sein? Es wird bestimmt ein besonderes Erlebnis in einer für Nepal besten Reisezeit.
Meine eigene Reise endet mit „Eis für alle“ in der Schule. Es war wieder schön, erlebnisreich und exotisch, wie es sich für Nepal gehört.
Die Kinder und ich grüßen Sie mit „Namaste“.
Ihre
Lieselotte Künzel