November 2011


Reise vom 08. bis 27.11.2011

Für diese Reise gibt es einen besonderen Anlass: die Einweihung des neuen Schulgebäudes, das mit unserer/Ihrer Hilfe errichtet wurde. Deshalb sind wir auch eine Delegation von 5 Personen. Aber bis dahin müssen wir noch ein paar Tage warten.

Zunächst heißt es Tüten packen und die Briefe und Geschenke von den deutschen Paten korrekt zuordnen. Am nächsten Morgen fahren wir riesig bepackt in die Schule und werden schon mit neugierigen Augen erwartet. Nach einer herzlichen Begrüßung mit den landesüblichen Blumengirlanden gehen die Kinder wieder in ihre Klassen. Nach dem Unterricht bitten wir jeweils drei Kinder in Dev Regmis Büro und überreichen ihnen ihre Geschenke. Von jedem Paten gibt es etwas zu erzählen, ist ein Brief vorzulesen, sind Fotos anzuschauen, und unsererseits sind die staunenden und glücklichen Augen der Kinder zu genießen. Die Aktion nimmt etliche Stunden in Anspruch.

Zurück im Hotel habe ich noch das Bild aus der Schule vor Augen: Das Gebäude, d.h. die ersten zwei Stockwerke sind fertig und sehen sehr gut aus. Ein drittes Stockwerk, das die Familie Regmi von sich aus zusätzlich in Auftrag gegeben hat, ist noch im Bau. Aber insgesamt sind beträchtliche Aufräumarbeiten zu erledigen, wenn am Einweihungstag alles präsentabel sein soll. Wie das nur gehen mag?

Nun ja, wir werden erst einmal einen Besichtigungstag in Kathmandu einlegen.

Am 11. November ist der große Inauguration Day. Uns ist freigestellt, schon morgens zu kommen, wenn wir die Puja, das hinduistische Zeremoniell zur Einweihung, miterleben möchten. Das wollen wir natürlich und oh Wunder, alles ist aufgeräumt und geschmückt!

Die Gurus hatten direkt vor dem Neubau schöne farbige Mandalas gezeichnet; die vielen für uns nicht zu deutenden Gefäße, Öllämpchen, Früchte, Joghurt, Blüten sind arrangiert, und in der Mitte wird das Holz für ein heiliges Feuer aufgeschichtet. Dev Regmi und der „Familien-Guru“ (Hindu-Priester werden von den Familien und sonst niemandem bezahlt) sind leicht als die Hauptpersonen zu erkennen. 

Es ist wie immer: Wir Außenstehenden sehen ohne Verstehen der Hintergründe, dass alles einen vorgeschriebenen und nur von den Gurus beherrschten Ablauf hat, und wir sind höchst verwundert, dass die mit der Puja befassten Personen nicht den geringsten Anstoß daran nehmen, dass in der Umgebung gelärmt wird, die Kinder spielen, andere sich unterhalten. Es ist als seien zwei Welten von einem durchlässigen Vorhang getrennt.

11 für diese spezielle Puja vorgeschriebene Gurus begleiten die sich über Stunden hinziehenden Handlungen und Gebete mit Gesängen und rhythmischen Rezitationen aus den alten Veden.

Endlich, endlich nehmen wir vor der Bühne Platz, und nebenan stellen sich etwa 40 Karate-Schüler auf als Empfangskomitee für den Ehrengast, den Chief Secretary Madhav Prasad Ghimire, der dann allerdings telefonisch bittet, wir sollten schon mal anfangen, er käme später.

Also führen erst einmal die Kleinen, in bemalte Kartoffelsäcke gesteckt, einen Tanz vor und singen dazu das Lied von den Kindern auf dem Land, die nicht in die Schule gehen können, weil sie in der Landwirtschaft helfen müssen oder die Eltern zu arm sind. Sie selbst sind natürlich ganz glücklich, dass es ihnen besser geht, und schwingen entsprechend ihre Hüften.

Danach habe ich die Ehre, zusammen mit dem berühmtesten Karate-Trainer von Nepal, der auch die Kinder in der Schule trainiert, an 8 Schüler von CMHS die aus Japan eingetroffenen Schwarzen Gürtel mit Zertifikat zu überreichen. Für mich ist es besonders schön, dass darunter auch Prem, Govinda und die uns nahestehende, von Schweizern geförderte Pemba sind. 

Inzwischen ist der verspätete Chief Secretary eingetroffen, kann zusammen mit uns eine beeindruckende Vorführung der 40 Karatekas bewundern, und hat danach seinerseits die Ehre, uns 5 deutsche Gäste mit gravierten Messingtellern und  entsprechenden Worten auszuzeichnen.

Das Bühnenprogramm kommt wieder in Fahrt mit wunderschönen traditionellen Tänzen. Den Abschluss bildet eine moderne Tanzversion nach Rock-Musik. Alle Nepali, Männer und Frauen, können tanzen und tanzen gern – von klein an.

Auch der offizielle Teil wird absolviert. Der Chief Secretary hält eine Rede auf seinen ehemaligen Kollegen Dev Regmi und seine Leistungen für die Schulbildung in Nepal allgemein und insbesondere für seine Schule, in der bedürftige Kinder einen exzellenten Unterricht erfahren. Und er gratuliert zu der Schulerweiterung.

Dann bin ich an der Reihe mit ein paar Worten, danach Dev Regmi, der uns seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringt, und endlich gehen wir alle hinüber, und der Neubau wird mit dem Durchschneiden eines roten Bandes von den Lehrern und Schülern „in Besitz genommen“.

Nun kommt Bewegung ins Geschehen. Unsere Kinder bieten Snacks an, servieren Tee und Suppe, und später bauen sie auch noch das Büfett mit den frisch gekochten, äußerst schmackhaften Speisen auf. Alles funktioniert reibungslos, fröhlich, aufmerksam und ohne Kommandos. Einfach toll.

Fazit: Wir haben einen glücklichen Tag erlebt und geben hiermit den Dank an alle Mithelfer und Unterstützer des Schulneubaus weiter.

Nächstes Highlight ist ein Ausflug mit 75 Personen, darunter alle unsere Kinder und die anderen Internatskinder, Lehrer, Koch usw. In zwei Bussen geht es los in ein armes Dorf, etwa 25 km außerhalb des Kathmandu-Tals. Unbeschreibliche Straßen und Pisten, enge Haarnadelkurven, schwindelerregende Abgründe, stundenlange Fahrt für die wenigen Kilometer, aber ein gutgelauntes Publikum.

Unterwegs machen wir Station bei einem berühmten Tempel und kommen irgendwann an unserem Ziel an, einer Community School, die erst kürzlich durch Nepal Help, einer nepalischen Hilfsorganisation, neue Gebäude erhalten hat. Wir lernen den Chairman kennen – er ist der von der Dorfgemeinschaft gewählte Beirat der Schule -, außerdem den Schulleiter und einen Lehrer, der von zwei Kindern berichtet, die sehr gute Schüler sind und dringend der Hilfe für eine gute Schulbildung bedürfen.

Zunächst wird uns Mana vorgestellt, 10 Jahre alt, die bei der Schwester ihrer Mutter lebt. Die Mutter war beim Futtersammeln unten am Bagmati-Fluss von einer Flutwelle erfasst und fortgespült worden.

Damals war Mana 1 ½ Jahre alt, und der Witwer stand mit 7 Kindern allein da. Die Tante, die Mana begleitet, äußert ihre Bedenken, wir könnten das Mädchen verkaufen. Dev kann sie beruhigen.

Später kommt noch der Bruder von Mana hinzu. Er ist 13 Jahre alt, heißt Kanchha und hat heute schon auf einem Markt das vom Vater frisch geerntete Gemüse angeboten. Beide Kinder sind natürlich schüchtern, haben ganz wache Augen und sind die besten Schüler in ihren Klassen.

Wir alle genießen die herrliche Landschaft, die Kinder toben herum. Inzwischen ist das Essen fertig. Einige Dorfkinder kommen hinzu, und wir genießen gemeinsam, was der Koch und seine Helfer an uns austeilen. Als Nachtisch gibt es einen Apfel, fast unerschwinglich in Nepal. Wir hatten die Äpfel besorgen lassen, weil uns ein Vereinsmitglied extra dafür Geld mitgegeben hatte.

Schon auf der Heimfahrt ist uns klar, dass wir nicht nur Mana, sondern auch ihren Bruder bei KINDER in NEPAL aufnehmen und sie ins Internat holen. Bleibt noch die Zustimmung des Vaters.

Für ihn hatten wir für den nächsten Tag die Fahrt nach Kathmandu mit den Lehrern und den beiden Kindern organisiert. Von ihm erfahren wir, dass er das Land für einen Grundbesitzer bewirtschaftet und davon lebt, dass er die Hälfte des Ertrags für sich hat. Von den 7 Kindern gingen nur die beiden jüngsten in die Schule. Er selbst und die anderen sind Analphabeten. Er geht ausgesprochen liebevoll mit seiner kleinen Tochter um, versichert uns aber, dass er glücklich wäre, wenn seine beiden Jüngsten eine gute Schulbildung erhielten. Auf unsere Frage, ob er denn nicht wieder heiraten wolle, antwortet er, nein, nein, er habe doch schon 7 Kinder!

Also bleiben kurzentschlossen Mana und Kanchha gleich im Internat – mit nur dem, was sie auf dem Leibe tragen und der Schultasche von Mana. So ganz geheuer ist ihnen diese Entwicklung nicht, aber unsere Kinder nehmen sich der Neulinge liebevoll an.

Tatsächlich sieht die Welt am nächsten Tag schon etwas besser aus, nachdem sie von Kopf bis Fuß neu eingekleidet sind, Mana ein Kuscheltier in Empfang nimmt und dann auch noch eine provisorische Schuluniform angezogen wird. Ich wünschte ich könnte vermitteln, wie liebevoll in der Schule die Großen mit den Kleinen umgehen. Die Kinder lernen ein bewundernswert soziales Verhalten.

Die Tage vergehen mit dem Einkauf von Winterkleidung für unsere Schützlinge. Mit jeweils einer Gruppe Kinder und viel Geduld ziehen wir los. Die Entscheidung für ein Kleidungsstück fällt nicht leicht, wenn man nur so selten Gelegenheit hat, selbst etwas auszusuchen. Außerdem geben wir jedem Kind ein Budget vor, denn auch der Umgang mit Geld muss gelernt werden.

An einem Abend sind wir privat zum Abendessen bei Ambika und Dev Regmi eingeladen. Wir genießen die Gastfreundschaft (vegetarisches leckeres Essen) und einige Einblicke in die nepalische Kultur sehr. Vor allem wird wieder klar, wie bescheiden die ganze Familie lebt, um sich den Luxus der Förderung von begabten armen Kindern zu leisten.  

Viel zu schnell kommt der Abschiedstag. Die Schule endet um 12 Uhr, und wir haben eine Spende „Eis für alle“ umzusetzen. Das ist schon zu einer Tradition geworden und wird freudig erwartet. Jede Klasse, angefangen vom Kindergarten, geht zur Hörnchen-Ausgabe und kommt strahlend und leckend zurück.

Für den Abend haben wir zu einer  Abschiedsparty für alle einschließlich der Lehrer eingeladen. Es gibt die in Nepal üblichen reichlichen Snacks als Vorspeise; das sind frisch zubereitete, in Fett ausgelassene kleine Gemüseteilchen, feurig gewürzte Erdnüsse und ein Knabbergebäck aus Fischmehl. Dann folgt eine Suppe, und danach wird wieder das leckere Büfett aufgebaut mit Reis, verschiedenen Gemüsen, Hühnerfleisch und rohen, fingerfertig geschnittenen Karotten und Rettich.

Alles wird begleitet von ohrenbetäubender Musik – bei uns hätten die Nachbarn längst die Polizei verständigt. Hier stört das niemanden. Die Kinder tanzen dazu, und selbst Mana (die sich jetzt Pretty nennen lässt) und ihr Bruder Kanchha machen fröhlich mit.

Es folgen ein Feuerwerk mit mitgebrachten Wunderkerzen, was in der Dunkelheit sehr schön aussieht und schließlich als erneuter Höhepunkt eine riesige Torte für alle Geburtstagskinder das Jahr über.

Inzwischen sind einige Mütter eingetroffen, um ihre Kinder abzuholen. Für uns beginnt der immer wieder zu Herzen gehende Abschied.

Ich hoffe, Sie haben auf diese Weise erneut etwas mehr über Nepal erfahren. Vor allem grüße ich Sie von den Kindern und der Familie Regmi.

 

Namaste

Ihre

Lieselotte Künzel